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Oscar Dummyarbeit

Oscars Welt: Wie man es schafft mittendrin statt nur dabei zu sein

Oscars und Pitchs Freizeitbeschäftigung ist die Dummyarbeit.
Für nicht Sachkundige sei an dieser Stelle erklärt, dass es sich hierbei um eine Ersatz- oder Ergänzungsbeschäftigung speziell für Retriever geht und man mit Hilfe kleiner 500g schwerer Leinensäckchen – sogenannte Dummies – jagdliche Aufgaben nachstellt. Hierbei unterscheidet man in unterschiedliche Arbeitsbereiche: das Markieren (hierbei wird ein Dummy geworfen und der Hund soll sich die Fallstelle des Dummies merken), das Einweisen (hier wird für den Hund nicht sichtig ein Dummy ausgelegt und der Hund soll sich durch seinen Hundeführer zu diesem Dummy schicken lassen. Hier ist Teamarbeit gefragt) und die Suche (hier wird der Hund in ein bestimmtes Gebiet geschickt und er soll selbständig die Dummies nacheinander in dem Gebiet suchen und bringen. Aus der jagdlichen Perspektive eine Nachsuche nach dem Schuß).

Unsere beiden Hunde lieben die Dummyarbeit und sind mit Feuereifer dabei. So machte ich mich den Hunden und unseren zwei Kindern (zu dem Zeitpunkt knapp 3 Jahre und wenige Wochen alt) auf, um mit unseren Freunden die ebenfalls Golden Retriever führen, eine kleine Trainingseinheit zu absolvieren. Das Wetter war nicht das Beste: es goß in Strömen. Meine große Tochter war ein wenig übernächtigt und dementsprechend nörgelig und wollte im Auto bleiben. Das ging zum Glück, da wir die Fahrzeuge direkt im Gelände parken konnten und ich ließ die seitliche Hintertür auf, damit sie uns beim Training zuschauen konnte. Wir wollten zunächst was mit den jüngeren Hunden arbeiten, bevor die Älteren an der Reihe waren. Aufgrund des Regens ließ ich Oscar im Auto in der trockenen Wartezone. Nun ja, Warten und Wartezone sind nicht gerade Oscars Lieblingsbegriffe und er hatte vom Kofferraum aus freie Sicht auf das Training mit den Youngsters. Für seine Begriffe natürlich völlige Babyaufgaben, die wir da arbeiteten und dementsprechend beobachtete er das Geschehen aufmerksam aber mit einem gewissen Ausdruck an Verächtlichkeit in seinem Gesicht. Dann wurde es auch für ihn interessant, denn wir begannen mit den Markierungen. Ich muß dazu sagen, dass Markieren für Hunde eine hochpushende Angelegenheit sein kann, da ständig etwas durch die Luft fliegt. Mit zunehmender Distanz vernahm man aus dem Kofferraum leichte Unmutsäußerungen darüber, dass die gefallenen Dummies für die anderen Hunde bestimmt waren und nicht für Oscar (der, das sei erwähnt, wirklich über eine sehr gute Merkfähigkeit verfügt). Unser Training ging weiter, ich wies Pitch gerade auf ein Dummy ein, da kam es aus dem Auto: ‘Mama, ich muß mal Pipi’. Na super. Pitch pfiff ich in den Stopp-Pfiff, holte das Kind aus dem Auto. Es goß weiter in Strömen. Derweil Rückencheck, ob Pitch noch brav auch dort sitzt, wo ich ihn abgepfiffen hatte. Ja, tat er. Braver Hund. Loben. Kind beim Pipimachen helfen, wieder Rückenblick, ob der Hund weiterhin sitzt. Loben nicht vergessen! Oscar witterte seine Chance. Urplötzlich hörten wir ein ‘Wiffffff’ und aus dem Kofferraum schoß Oscar über die Rückbank durch die geöffnete Hintertür aus dem Auto, an dem verblüfft drein schauenenden Pitch vorbei, auf das Mark, welches ca. 5 Minuten zuvor gefallen war.
Nun war Multitasking zur Schadensbegrenzung gefragt: Nochmaliges Sitzkommando zur Sicherheit für Pitch – Braver Hund! Kind schnell wieder anziehen. Sitzen gebliebenen Hund zwischendrin loben, Kind hinstellen und trösten, dass es gleich wieder ins Auto darf. Pitch wieder loben. Oscar hatte derweil das Mark (selbstverständlich auf den Punkt markiert) und war auf dem Rückweg. Oscar Dummy abnehmen. Pitch loben, dass er trotz der Ablenklung sitzen geblieben war. Kind wieder ins Auto. Glücklichen Oscar wieder ins Auto. Durchatmen. Lücke zwischen Kofferraum und Rückbank abdichten. Es durfte weiter gehen. Oscar war vorerst glücklich. Hatte er doch gezeigt, wie man punktgenau markiert und mittendrin statt nur dabei ist.

Oscar Schildkröte

Oscars Welt: Schildkröten sind keine Kauartikel

In erster Linie ist Oscar ein Hund. Hunde kauen gern. In zweiter Linie ist Oscar aber auch ein Retriever, was von ‘to retrieve’ kommt und übersetzt in etwa: ‘zutragen’ bedeutet. Die Rasse wird in erster Linie für die jagdliche Arbeit nach dem Schuss gezüchtet, um krank geschossenes oder erlegtes Wild dem Schützen zu zu tragen. Retriever tragen dementsprechend vieles: von der Brötchentüte über Bälle bis hin zu Dummies. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass Retriever ausschließlich Dinge tragen, die sie tragen sollen, sondern sie tragen auch Dinge, die nicht explizit in Auftrag gegeben werden.

Oscar war etwa 2 Jahre alt, als sich folgende Episode zutrug: wir waren auf Stippvisite bei Bekannten und Oscar durfte sich frei im Garten bewegen, während wir einen gemütlichen Plausch hielten. Irgendwann verschwand Oscar Richtung Schuppen und war ein Weilchen unterwegs, weswegen ich ihn zu uns rief. Man kann ja nie wissen. Er kam auch postwendend und vor allem schwanzwedelnd zu uns. Für mich ein deutliches Zeichen, dass er irgendetwas im Fang schmuggelte. Er hat dann immer diesen leicht, verklärten Gesichtsausdruck. Ich rief ihn folglich zu mir heran und gab ihm das Kommando ‘Aus’. Langsam öffnete er seinen Fang und präsentierte mir etwas, was definitiv nicht nach Ball oder Brötchen aussah, sondern mehr wie ein platter, großer Stein. In dem Augenblick kam auch schon der Nachbar um die Ecke und rief aufgeregt, ob wir Bruno gesehen hätten. Bruno? Mir dämmerte etwas. Bruno hatte sich sicherheitshalber in das dritte Untergeschoss in den Panic-Room zurück gezogen, aber bei genauerer Betrachtung des Gegenstandes, den ich ihn der Hand hielt, wurde mir sehr bewusst, dass Bruno bei mir in ‘Sicherheit’ war und dass ich keinesfalls einen Stein in der Hand hielt. Bruno sah mich nicht ganz als schützendes Refugium, denn meine nähere Bekanntschaft wollte er zunächst nicht machen. Zu allem Überfluss hatte Brunos schützendes Dach leichte Beschädigung genommen. Das hat man nun davon, wenn man seinen Hund roh ernährt. Schildkröten sind eben nicht die passenden Kauartikel! Nun war guter Rat teuer. Oscar schaute etwas belämmert aus der Wäsche. Ja, ich weiß, Hunde haben kein schlechtes Gewissen, aber er sah doch ein klein wenig danach aus. Wir suchten derweil im Rasen fieberhaft nach Brunos fehlenden Panzerstückchen und fanden auch einige, aber ein großes Stück fehlte. Ein Blick zu Oscar (der dabei leicht zurück wich, vermutlich ahnte er, was kommen sollte) und dann ging es ab zum Tierarzt. Mit der passenden Spritze konnten wir das fehlende Panzerteil von Bruno wieder hervor befördern. Oscar fand das nicht so toll, aber Bruno war das sichtlich egal, dem hätte es sonst auf ewig bei ihm rein geregnet, was ja auch nicht so toll ist. Ausgleichende Gerechtigkeit also. Bruno genoss anschließend 5 Tage (für uns kostspieligen) Aufenthalt in der Wellnessklinik und hat weder einen bleibenden gesundheitlichen noch einen psychischen Schaden behalten, soweit wir das beurteilen können. Und Oscar? Er ist immer noch ein Hund, der gerne kaut und ein Retriever, der gerne trägt, aber er paßt nun immer ganz besonders auf, ob er wirklich einen Stein apportiert. Und wir? Wir haben ihm sicherheitshalber beigebracht, dass es nur wenige Dinge gibt, auf denen er rumkauen darf.